R a p i d   C y c l i n g  –  das bildest du dir nur ein

Der Lebenslauf eines Menschen – Diagnose: affektive bipolare Störung – erscheint in der verdichteten Form eines Theaterabends wie ein ständiges Auf und Ab. Manie und Depression wechseln sich ab, treiben an, öffnen und schließen Türen, sperren ein. In “Rapid Cycling” untersuchen wir die verschiedenen Realitäten von „Wahr-nehmung“ anhand der Achterbahnfahrt der Stimmungen einer betroffenen Person. Ab wann sind Stimmungsschwankungen krank? Und inwieweit sind Erkenntnis und Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit nicht auch von grundlegender Bedeutung für das Glück jedes Einzelnen?

Künstlerische Leitung: Jule Oeft / JuWie Dance Company
Choreografie / Tanz: Jule Oeft
Choreografische Assistenz: Yamile Anaid Navarro Luna
Musik: Daniel Williams
Kostümbild: Swantje Silber / Tom Schellmann
Maskenbild: Lisa Reike
Bühnenbild: Ringo Jarke / Stefan Röser
Lichtdesign und Realisierung: Josia Werth
Technische Realisierung Video: Beate Oxenfart
Kamera: Christoph Iwanow
Schnitt / Postproduktion: Marco Prill
Regie Film: Christian Zimmermann
Lichtdesign Film: Jasper Gather
Kuration Ausstellung: Jule Oeft / Benjamin Rottluff
Interaktive Ausstellungsobjekte: ShitShow GbR
Umsetzung der Ausstellung: Benjamin Rottluff / Sabine Oeft
Geschäftsführung: Wiebke Bickhardt / JuWie Dance Company
Projektkoordination: Benjamin Rottluff

Stücklänge: 60 Minuten
UA: 05.12.2019 @HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste

Eine Koproduktion mit HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste und Freaks und Fremde e.V. In Kooperation mit dem Kulturzentrum Parksäle Dippoldiswalde. Ermöglicht und Unterstützt durch eine Vielzahl an privaten Spender*innen. Gefördert von der Stadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen (Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes).

Rapid Cycling

PRESSE

DRESDNER Kulturmagazin 8. Dezember 2019
Autor: Rico Stehfest

Marionette ohne Spieler – Die Performance »Rapid Cycling« zeigt in Hellerau die Herausforderungen bipolarer Störung

„»Das bildest Du Dir nur ein«. Der Untertitel der neuen Arbeit der JuWie Dance Company im Festspielhaus Hellerau bringt die bekannte Alltagsproblematik im Umgang mit psychischen Erkrankungen auf den Punkt. Die Sache ernst nehmen? Ach was, hab Dich nicht so. In der Regel liegt hinter solchen Bemerkungen gar nicht mal Ignoranz. Der Versuch einer Aufmunterung ist nicht selten auch Ausdruck einer generellen Hilflosigkeit des Gegenübers angesichts einer psychologischen Konstellation, die sich nicht so ohne weiteres einordnen lässt.
Wie soll man das auch verstehen, wenn jemand laut und lebhaft durchs Leben hetzt und urplötzlich auf unbestimmte Zeit von der Bildfläche verschwindet, kein Anruf, keine E-Mail, nix. Wir haben ja alle unsere Tiefpunkte. Nur, wie tief muss so ein Punkt liegen, um als pathologisch eingestuft zu werden? Ohne professionelle Hilfe gestalten sich psychologische Herausforderungen in der Regel als Abwärtsspirale. So ganz allein, gefangen im eigenen Kopf, kriegt man sich nicht an den Haaren aus dem Sumpf gezogen.

Genau so gefangen erscheint Jule Oeft in ihrer Performance. Ein senkrechter Quader auf der Bühne, auf dessen Oberfläche wird ein Video projiziert, das eine merkwürdige Performance in einem weißen, fast wie ein neuronales Netzwerk wirkenden Gebilde zeigt. Da weiß der Zuschauer noch nicht, dass Jule Oeft genau in diesem Quader hockt, abgegrenzt, allein gelassen.
Natürlich findet sie den Weg raus aus dieser Enge. Aber wie das eben so ist. Mal so, mal so. Verlässt sie den Quader durch die linke Tür schafft sie kaum mehr den aufrechten Gang. Tänzelt sie von rechts heraus, gibt sie die Rampensau, das nimmermüde Party-Girl auf Speed. Nur, was sich dazwischen abspielt, in der Mitte, in dem Quader, bleibt ihr Geheimnis, das hier natürlich keins ist.

Besonders auffällig an dieser Arbeit ist, wie die Videos (Beate Oxenfart) und die, man darf sagen, gewohnt fancy Sounds von Daniel Williams in Verbindung stehen mit der tänzerischen Ausdrucksform. Die Videos zeigen abgedrehte Kostüme, die man sich fast auf der Bühne, in live, gewünscht hätte, so aufwendig fällt deren Design aus. Aber genau das geht ja eben nicht: Diese überbordende Kreativität muss medial entrückt bleiben, als Analogieebene zur psychologischen Entrücktheit: Larger than life sind die Dinge eben nur im Kopf. Das trifft auch auf das akustische Gefrickel von Daniel Williams zu. Die hemmungslose, geradezu süffisante Weise, in der er Britney Spears‘ »Oops, I did it again« zerhackschnitzelt und neu versampelt klingt wie ein blinkender Jahrmarkt mit mehr als nur einem Kurzschluss in der Leitung.“