WORLD BIPOLAR DAY

Im Dezember 2019 wird unsere neue Produktion „Rapid Cycling“ Premiere in Hellerau – europäisches Zentrum der Künste feieren.  „Rapid Cycling“ thematisiert die affektive bipolare Störung. Bei dieser Krankheit wechseln sich Symptome von Tiefphasen (Depression) und Hochphasen (Manie / Hypomanie) ab. Den heutigen „World Bipolar Day“ wollen wir nutzen, und zwei wichtige Positionen zu Wort kommen lassen:

Betroffene

Wie war dein Weg zur Diagnose?
Acht Jahre hat es gedauert ehe ich meine Diagnose Bipolare Störung Typ 2 bekommen habe. Die Jahre waren geplagt von Selbstzweifeln, einem Selbstmordversuch und Fehldiagnose. Letztes Jahr habe ich es dann während einer langen depressiven Phase in die Klinik geschafft.

Wie beeinflusst dich die Krankheit im Alltag?
Die Diagnose hat mich positiv beeinflusst. Ich weis jetzt was mit mir los ist und lerne mich neu kennen. Bevor ich die Krankheit kannte, war ich immer der Meinung ich sei einfach unfähig mit meinen Gefühlen umzugehen und zu dumm, schwach faul wenn ich in einer depressiven Phase war.
Dieses Denken hat sich durch die Erkenntnis etwas gebessert und ich kann konstruktiver über mich selber reflektieren. Das funktioniert mal mehr und mal weniger gut.

Wie äussern sich die Phasen bei dir?
Während einer Depression erscheint mir das Leben sinnlos. Eine Gedankenspirale aus Zweifeln entsteht im Kopf. Die Sinne sind auf das Minimalste reduziert. Alles was zu laut oder zu hell ist versetzt mich in Panik. Oft gerate ich in paranoide Angstzustände.
Am liebsten möchte ich mich in der dunkelsten, kleinsten Ecke verschanzen. Oft spielen Gedanken an den eigenen Tod eine große Rolle. Einen Versuch habe ich ja schon hinter mir. Danach hatte ich lange Zeit Angst über Brücken oder Straßen zu gehen.

Während einer Hypomanie können es gar nicht genug Reize und Eindrücke sein. Die Sinnesorgane sind auf 200%. Ich bin die ganze Zeit super drauf. Ich brauche kaum zu schlafen. Oftmals fange ich viele Sachen parallel an und am Ende ist alles nur durcheinander und nichts ist fertig geworden. Ich habe auch bemerkt das meine sexuelle Lust extrem gesteigert ist, was mich in der Vergangenheit in viele Schwierigkeiten gebracht hat. Wiederholtes Fremdgehen,fast schon aggressives flirten und Gedächnis – ,Realitätsverlust waren die Folge. Mein Schmerzempfinden ist geringer als sonst, ich habe mehr Energie, habe eine höhere Leistungsfähigkeit, aber auch eine höhere Verletzungsgefahr. So habe ich nach einer über Monate andauernde Depression plötzlich eine Manie bekommen und mein Körper hat kam damit nicht klar und ich habe mich schwer verletzt.

Wie gehst du aktuell mit der Krankheit um?
Für mich ist es wichtig mich jeden Tag mit mir intensiv auseinander zu setzen und wenn es eben so ein Interview ist. Ich lese Bücher aus der Fachliteratur, aber auch Berichte von Betroffenen helfen mir meine Krankheit besser zu verstehen.
Wie die meisten Patienten bin ich auf das Medikament Lithium eingestellt. Für mich ist das gut, so bin ich bereit mir psychotherapeutisch helfen zu lassen. In einer Gruppe tausche ich mich mit anderen Betroffenen aus.

Wie geht es dir heute mit der Krankheit?
Im Moment geht es mir ganz gut. Durch die Medikamente werden die meisten Phasen etwas gedämpft. Auch wenn sie nicht ganz verschwinden und ich trotzdem jeden Tag hoffen muss nicht wieder in eine richtige Manie zu rutschen, bin ich entspannter und reflektierter geworden.

Angehörige

Leider konnten wir bis Redaktionschluss nicht die Antworten der angefragten Anghörigen erhalten. Diese Stimmen sind für uns auch relevant und werden in der Produktion vorkommen.

Behandelnder

Fragen zur bipolaren Störung – beantwortet von Dr. Dirk Ritter, Dipl.-Psych (Psychol. Psychotherapeut)

 Was ist die bipolare Störung?
Die Bipolare Störung (genau: affektiv bipolare Störung) ist eine psychische Erkrankung, die den affektiven Störungen (Störung der Stimmung / des Affektes) zugerechnet wird. Menschen mit dieser Störung werden häufig immer wieder (rezidivierender Verlauf) von Phasen tiefer Traurigkeit, Antriebslosigkeit und häufig auch Suizidalität (depressive Phase) und von Phasen gehobener Stimmung, deutlich erhöhter Leistungsfähigkeit bis hin zum Getriebensein, vermehrten Reden, schnelleren Denkens, verminderten Schlafbedürfnisses, vermehrter sexueller Bedürfnisse und z. B. Kaufrausch (manische / hypomane Phase) erfasst. Häufig sind die sozialen und finanziellen Folgen insbesondere der manischen Phasen häufig verheerend. Suizidalität ist ein ernsthaftes Problem bei den betroffenen Patienten.

Ab wann wird ein Mensch als krank eingestuft?
Insbesondere bei depressiven Phasen erkennen die Betroffenen und die Angehörigen relativ rasch, dass es sich um eine Erkrankung handelt. Bei einer manischen bzw. hypomanen Phase ist das – zumindest für die Betroffenen – schwieriger, da sich diese Phase für sie häufig angenehm anfühlt. Menschen mit mindestens einer depressiven und einer manischen bzw. hypomanen Episode werden als Patienten mit einer affektiven bipolaren Störung bezeichnet. Die Diagnose sollte von einem Facharzt bzw. einen Psychotherapeuten gestellt werden. In der Exploration sollte deutlich werden, dass die Symptomatik des Patienten sich von seinem sonstigen Verhalten unterscheidet. Darüber hinaus spielt sowohl der subjektive Leidensdruck eine Rolle als auch die Einschätzung durch das soziale Umfeld. Leider erfolgt die Diagnose einer bipolaren Störung häufig erst Jahre nach der ersten Episode (insbesondere, wenn dieses eine depressive oder hypomane Phase ist), so dass häufig eine effektive Behandlung erst sehr spät erfolgt. Dies ist vor dem Hintergrund, dass die Anzahl der bisherigen Episoden ein Prädiktor für den weiteren Erkrankungsverlauf ist.

Welche Facetten hat die Krankheit?
Die bipolare Erkrankung ist sehr facettenreich, dies wird schon an den obigen Beschreibungen deutlich. Eine treffende Bezeichnung für Erkrankte lautet daher: „Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“ und macht ein Leben zwischen zwei Extremen mit den Polen Manie und Depression deutlich. Einige  Patienten haben leider ein geringes Krankheitsbewußtsein, viele finden insbesondere hypomane Phasen sehr angenehm (s. nächsten Punkt).

Haben sie Gemeinsamkeiten unter den Erkrankten beobachtet?
Natürlich sind hier zuerst der phasenhafte Verlauf zu nennen, bei dem sich manische / hypomane mit depressiven und Phasen emotionalem Wohlbefindens abwechseln. Häufig herrscht bei Patienten der eine oder andere Phasentyp vor. Viele Patienten berichten davon, dass sie insbesondere die hypomanen Phasen als angenehm empfinden, da sie in diesen Phasen selbstbewusst seien, eine Eigenschaft, die sie sonst häufig an sich vermissen. Je länger die Erkrankung anhält, umso schwerer fällt es den Patienten, Normalität zu erkennen und zu leben. Häufig setzen insbesondere jüngere Patienten und Patienten mit bisher kurzem Krankheitsverlauf in euthymen Phasen ihre Medikamente ab, was häufig in Verbindung mit Stress zu neuen Krankheitsepisoden führt.

Was gibt es für Therapieansätze um Erkrankten zu helfen?
Der wichtigste Therapieansatz bei der bipolar affektiven Erkrankung ist der medikamentöse Ansatz. Hierbei liegt der Schwerpunkt sowohl auf der Behandlung der aktuell vorherrschenden affektiven Symptomatik als auch in der Prophylaxe von Rückfällen. Insbesondere die Rückfallprophylaxe nimmt aufgrund der Phasenhaftigkeit der Erkrankung einen hohen Stellenwert ein, hier kommen die Phasenstabilisierer, an erster Stelle Lithium, zum Einsatz. Neben der medikamentösen Therapie hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr die Psychotherapie an Bedeutung bei der Behandlung dieser Erkrankung gewonnen. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie hat sich hierbei als effektiv erwiesen. Schwerpunkte in der therapeutischen Arbeit sind die Sicherstellung der Behandlungscompliance (insbesondere regelmäßige Einnahme der verschriebenen Medikation), die Normalisierung der circadianen Rhythmik (Tagesablauf) sowie die Verbesserung der interpersonalen Kompetenz (Umgang mit sozialer Umwelt). In schwereren Fällen kommt auch die Elektrokrampftherapie (EKT) zum Einsatz.

Was machen Sie in ihrem Arbeitsalltag?
In meinem Arbeitsalltag stelle ich unter anderem mit betroffenen Patienten zu Beginn der Therapie ein gemeinsames Krankheitsmodell auf. Dieses integriert in aller Regel sowohl Aspekte eines allgemein gültigen Krankheitsmodells dieser Erkrankung wie auch die subjektiven Erfahrungen und Erkenntnisse der Patienten. Hieraus ergeben sich dann Ansatzpunkte für die therapeutische Arbeit. In dieser wird mit dem Patienten gemeinsam an seinen Problemen gearbeitet. Hierbei werden die Stärken des Patienten ebenso einbezogen wie die aktuellen Schwierigkeiten. Häufig geht es hierbei auch um die medikamentöse Behandlung, die Wirksamkeit und auch die Nebenwirkung dieser. Ziel hierbei ist die Stärkung der Medikamentencompliance (Zuverlässigkeit der Einnahme). Daneben gilt es natürlich auch immer, aktuelle Suizidalität auszuschließen, bürokratische Arbeiten für die Patienten zu erledigen und interprofessionell Informationen über die Patienten auszutauschen, um die Behandlung noch effektiver zu gestalten.

Wo kann man sich am Besten zur Krankheit informieren?
Hier sind als erstes natürlich Selbsthilfegruppen zu nennen. In Dresden gibt es die SHG „Bipolar leben“ in Dresden-Striesen.
In den letzten Jahren hat das Internet als Informationsbasis immer stärker zugenommen, dies allerdings mit Licht und Schatten, da nicht alle hier vertretenen Seiten seriös und fundiert sind. Deswegen wäre hier vor allem die Seite der Fach- Betroffenen und Angehörigengesellschaft für bipolare Störungen (Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V. – www.DGBS.de) als gute Informationsquelle zu nennen.

Und schließlich sollte sich jeder, der sich mit der Erkrankung beschäftigen möchte, auch Bücher als Ratgeber in Erwägung ziehen. Hier finden sich auf der obengenannten Website einige gute Empfehlungen.